Eindrücke von Helga Hanusa vom vierzehnten Tag der Reise

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Das Buch von Helene Holzmann „Dies Kind soll leben“ wurde im Jahr 2000 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Fruma Kucinskiene war zusammen mit der Tochter Margarete Holzmann zur Preisverleihung nach München gereist. Als beide eine Ausstellung zur Vorgeschichte und Deportation der Münchner Juden in einem Raum des Rathauses besuchten, wurden sie von einem Teilnehmer einer Tagung, die gleich nebenan stattfand, lautstark attackiert:.“… Was wollt ihr hier noch? Ihr Juden habt das Land freiwillig verlassen, ihr habt unterschrieben, dass ihr eure Häuser verkauft….“

„Wie soll man das betrachten?“ fragte Fruma.

Fruma Kucinskiene Kaunas, Überlebende des Holocaust

Helga Hanusa

Eindrücke von Ernst Grube am dreizehnten Tag der Reise – In Kaunas

Ernst Grube und Fruma Kucinskiene

Ernst Grube und Fruma Kucinskiene

Der Besuch im Sugihara-Museum bringt mir die Konferenz von Evian (Schweiz) 1938 in Erinnerung. Auf Initiative des US-Präsidenten Roosevelt tagten Vertreter von 30 Staaten. Sie waren nicht bereit ihre restriktive Aufnahmepolitik gegenüber jüdischen Flüchtlingen zu ändern. Wenn es heute Flüchtlingen gelingt, trotz Schengen-Abkommen und Frontex nach Deutschland zu kommen, werden sie als unerwünschte Personen behandelt und meistens wieder zurückgeschickt.

Ernst Grube

Eindrücke von Helga Hanusa am dreizehnten Tag der Reise – In Kaunas

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„Dies Kind soll leben.“

Treffen mit Fruma Kucinskiene, 78 Jahre. Die elegante vielsprachige ehemalige Radioelektroingenieurin überlebte als einzige ihrer Familie. Als Kind aus dem Ghetto geschleust, an vielen Orten von jüdischen, litauischen und russischen Helferinnen versteckt und nach der Befreiung von Margarete und Helene Holzmann aufgenommen.

Artikel 16 im Grundgesetz der Bundesrepublik: „Politisch Verfolgte genießen Asyl“?

Helga Hanusa

Eindrücke von Ernst Grube vom zwölften Tag der Reise – In einem Kaunaser Gymnasium

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Ernst Grube vor Gymnasiasten in Kaunas

Ernst Grube vor Gymnasiasten in Kaunas

Nach dem Gespräch mit der Schulleitung kommt es zu einer Begegnung mit einer deutschsprachigen Klasse von Abiturienten, die gespannt und aufmerksam zuhören. Ich erzähle, dass mit der 1. Deportation aus München 23 Kinder aus dem Antonienheim nach Kaunas verschleppt und ermordet wurden.

Wir wissen nicht, ab wann sie gespürt haben, dass ihr Leben zu Ende geht. Die Mütter und Väter haben wahrscheinlich bis zum Schluss versucht, ihre Kinder zu schützen.

Am Ende kamen zwei Schüler auf mich zu und fragten mich: Wie beurteilen Sie Nationalismus?

Ernst Grube

Eindrücke von Ernst Grube und Helga Hanusa am elften Tag der Reise – Fort IX, Kaunas

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Helga Hanusa und Ernst Grube

Helga Hanusa und Ernst Grube

Wir stehen im Hof des Fort IX, in dem die jüdischen Menschen am Vorabend ihrer Erschießung von den Nazibesatzern gesammelt wurden: eine Schulklasse mit 10 jährigen Kindern zieht lebhaft vorbei. Zwischen Simon und mir entwickelt sich ein kurzes Gespräch. Sollen Kinder so früh mit den Grausamkeiten dieses Ortes konfrontiert werden? Wir waren uns sofort einig: Wir können nicht früh genug damit beginnen, Kinder in geeigneter Form gegen aktuelle nationalistische und friedensgefährdende Einflüsse zu stärken.

Ernst Grube

 

Durch Simon und seine Familiengeschichte erfahren wir von der mörderischen Nazibesetzung und dem Widerstand. Gleich in den ersten Tagen der Besetzung erschossen die Nazis alle männlichen Mitglieder aus der Familie seiner Mutter: Großvater, Vater, Brüder. Der Großmutter gelang es trotz Inhaftierung in mehreren Ghettos, mit ihren Töchtern zu fliehen und mithilfe litauischer Bauern zu überleben. Die Familie seines Vaters lebte im Norden von Litauen. Zum Zeitpunkt des Einmarsches der Wehrmacht fasste der Großvater innerhalb eines Tages den Entschluss zu fliehen. Mit der Familie in einem Pferdewagen nach Riga und von dort mit dem Zug in die Sowjetunion. Simons Großvater kämpfte in der sowjetischen Armee. Nach der Befreiung kehrte die Familie aus dem Altai-Gebirge nach Litauen zurück.

Helga Hanusa

Viele sind straffrei davongekommen.

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Und die Täter? Viele sind straffrei davongekommen.

München 1963. Die zuständige Strafkammer am Landgericht München I lehnte für 7 von 8 Angeklagten SS-Männern, die im Vernichtungslager Belzec Dienst taten, die Eröffnung des Hauptverfahrens ab mit der Begründung, sie hätten nichts anderes tun können, als den ihnen erteilten Befehlen zu gehorchen. Ein Täterwille sei nicht erkennbar.

Von mehr als 107.000 Ermittlungsverfahren wurden 90% eingestellt.

Helga Hanusa

Eindrücke von Ernst Grube am neunten Tag der Reise – Belzec

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Helga Hanusa und Ernst Grube

Helga Hanusa und Ernst Grube

Vernichtungslager Belzec

Mit dem 2. Transport am 21. April 1942 wurden 700 Münchner Juden, wie ich heute weiß, in das Durchgangslager Piaski deportiert. Darunter 10 Kinder aus unserem Antonienheim. Wir noch nicht verschickten Kinder mussten nun mit den Erzieherinnen Henriette Jakobi und Alice Bendix ins Durchgangslager Milbertshofen. Die SS nutzte ab jetzt das Gebäude des jüdischen Kinderheims für den „Lebensborn“.

In der Gedenkstätte Belzec erinnern mich die Vornamen der Ermordeten an der Gedenkwand an meine Freunde aus dem Kinderheim und an meine Verwandten

 

Erde, bedecke mein Blut nicht, lass mein Schreien keine Ruhestatt finden.
Buch Hiob 16.18

Eindrücke von Ernst Grube und Helga Hanusa vom achten Tag der Reise – In Zamosc

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Deportierte Familienmitglieder von Ernst Grube

Deportierte Familienmitglieder von Ernst Grube

Die Onkel und Tanten mütterlicherseits von Werner, Ruth und mir wurden mit ihren Kindern nach Piaski, Izbica und Riga deportiert: Selma Süss-Schülein und Siegfried Süss-Schülein, Rosa Neu und Sigmund Neu mit ihrem Sohn Irwin Neu, Erna Berenz und Max Berenz mit ihren Kindern Abraham, Manasse und Bella (geb. 7.3.1942).

Am 25.11.1949 wurden sie vom Amtsgericht Stuttgart für tot erklärt.

Ernst Grube

 

Auf dem jüdischen Friedhof in Izbica steht auf einem Gedenkstein: „Hier ruht die Asche der durch Deutsche im November 1942 ermordeten Juden mit der Bitte um Nachdenken und ein Gebet.“

Helga Hanusa

Eindrücke von Ernst Grube vom siebten Tag der Reise – In Lublin

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Ernst Grube Majdanek

Ernst Grube Majdanek

„Rosengarten“ wurde ein etwas abgesonderter Platz am Lagereingang genannt. Hier fand die Selektion aller Inhaftierten statt.

Wer als arbeitsfähig eingestuft wurde, durfte vorläufig weiterleben.

Frauen, die als arbeitsfähig eingestuft waren, und es nicht fertigbrachten, sich von ihren Kindern zu trennen, gingen zusammen mit ihnen in die angrenzende Gaskammer.

Willst du noch leben, wenn dein Kind ins Gas getrieben wird?

Blick aus dem Hotelfenster

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Unser Hotel liegt in dem Viertel, das die deutschen Besatzer damals für Verwaltung, Organisation und zum Leben okkupiert hatten. Von unserem Fenster im Hotel sehen wir das ehemalige Wohnhaus von Odilo Globocnik (Nazi aus Kärnten), dem Leiter der „Aktion Reinhardt“.

Helga Hanusa

Eindrücke von Ernst Grube vom fünften Tag der Reise – Auschwitz

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„Jews selected by the SS for immediate death in the gas chamber of crematorium IV and V were herded along this road.”
Bildunterschrift, Foto von ungarischen Frauen mit ihren Kindern

Dieses Foto der Kinder kann ich nicht ertragen. Ihre Haltung, der Ausdruck ihrer Augen, die Hände in der Hand ihrer Mütter – ihr gewaltsames Ende.

Ernst Grube

Eindrücke von Ernst Grube vom vierten Tag der Reise – Oswiecim

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In der Gedenkstätte

Wir begegnen fast ausschließlich jugendlichen Besuchern, die sich in Gruppen durch die Hauptausstellung bewegen. Aufmerksam hören sie zu und betrachten wie wir die Dokumente der systematisch organisierten „Endlösung der Judenfrage“ u.a. großflächige Fotografien „vor der Selektion“: Menschen um Menschen, vorne die SS – dann die Fotografie „nach der Selektion“: Menschenleere, nur noch Waggons und einige SS Angehörige, die scheinbar zufrieden den Platz verlassen. Arbeit erledigt!

Ich hoffe, dass die jungen Leute sich immer wieder erinnern und fühlen werden, was sie hier wahrgenommen haben, und dass dieses Erinnern und Wissen um die NS-Verbrechen als Barriere gegen rassistische und neonazistische Ideologie und Politik wirkt.

Ernst Grube

Eindrücke von Ernst Grube und Helga Hanusa vom dritten Tag der Reise – Fahrt nach Oswiecim

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Während der Fahrt nach Oswiecim sprechen wir über unsere Eindrücke vom Gedenksaal der Kinder im Ghetto-Museum Theresienstadt. Fast 8000 Namen und Geburtsdaten von ermordeten Kindern bedecken die Wände des Saals. Eine Auswahl von Kinderzeichnungen zeigt frohe Erinnerungen an zuhause und farbige Zukunftsträume. Im Gedicht „Der Garten“ spüren wir das Potential und die Sehnsucht nach Leben bei gleichzeitiger Gewissheit des Todes.

Das kleine Rosengärtlein
duftet heut so sehr
es geht auf schmalem Wege
ein Knabe hin und her.

Ein Knäblein, ach so schön und hold,
ein Knösplein, das g’rad blühen wollt’,
erblüht einmal das Knösplein klein,
so wird das Knäblein nicht mehr sein.

Der vierzehnjährige Verfasser Frantisek Bass wurde am 28. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Nur 245 Kinder haben den Transport in den Osten überlebt.

Ernst Grube und Helga Hanusa

Eindrücke von Ernst Grube vom zweiten Tag der Reise – Theresienstadt

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Ernst Grube vor dem Haus, in dem er in Theresienstadt gelebt hat

Ernst Grube vor dem Haus, in dem er in Theresienstadt gelebt hat

Meine Erinnerungen gehen heute vor allem zu meiner Mutter, die als Krankenschwester hier in Theresienstadt gearbeitet hat. Was ging in ihr vor, als sie die Deportationsanordnung erhalten hatte? „Sind wir jetzt dran?“

Ihre drei Schwestern Selma, Erna und Rosa waren bereits 1942 nach Piaski, Izbica und Riga deportiert worden, zusammen mit ihren Ehemännern und Kindern.

„Wir kommen auf Transport“, hieß es. Dann gab es keine Nachricht mehr.

Mich beschäftigt zunehmend, dass ich als Kind die Gefühle meiner Mutter oft nicht verstanden habe.

Eindrücke von Ernst Grube vom ersten Tag der Reise – Fahrt nach Theresienstadt

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„Mitzunehmen sind sämtliche Kinder mit Gepäck zwecks Wohnsitzverlegung nach Einsatzort.“ Aus: Gestellungsanordnung der Geheimen Staatspolizei vom 20. Februar 1945

Am frühen Nachmittag in Terezin angekommen, war mein erster Weg zu dem Gebäude, in dem ich zusammen mit circa 10 weiteren Jungen in Theresienstadt inhaftiert war. Leider konnten wir nicht rein. Außen zeigt ein Schild, dass sich heute hier eine IT Firma befindet. Morgen ist Montag. Ich bin gespannt, ob wir dann reinkönnen, woran mir sehr liegt. Heute wie damals sehe ich von diesem Gebäude aus die Kirche drüben am Platz. Im April 1945 kursierte das Gerücht, dass die Nazis dort Gasbomben gelagert hätten. Wir hatten Angst.