Eindrücke von Ernst Grube und Helga Hanusa am elften Tag der Reise – Fort IX, Kaunas

Zitat

Helga Hanusa und Ernst Grube

Helga Hanusa und Ernst Grube

Wir stehen im Hof des Fort IX, in dem die jüdischen Menschen am Vorabend ihrer Erschießung von den Nazibesatzern gesammelt wurden: eine Schulklasse mit 10 jährigen Kindern zieht lebhaft vorbei. Zwischen Simon und mir entwickelt sich ein kurzes Gespräch. Sollen Kinder so früh mit den Grausamkeiten dieses Ortes konfrontiert werden? Wir waren uns sofort einig: Wir können nicht früh genug damit beginnen, Kinder in geeigneter Form gegen aktuelle nationalistische und friedensgefährdende Einflüsse zu stärken.

Ernst Grube

 

Durch Simon und seine Familiengeschichte erfahren wir von der mörderischen Nazibesetzung und dem Widerstand. Gleich in den ersten Tagen der Besetzung erschossen die Nazis alle männlichen Mitglieder aus der Familie seiner Mutter: Großvater, Vater, Brüder. Der Großmutter gelang es trotz Inhaftierung in mehreren Ghettos, mit ihren Töchtern zu fliehen und mithilfe litauischer Bauern zu überleben. Die Familie seines Vaters lebte im Norden von Litauen. Zum Zeitpunkt des Einmarsches der Wehrmacht fasste der Großvater innerhalb eines Tages den Entschluss zu fliehen. Mit der Familie in einem Pferdewagen nach Riga und von dort mit dem Zug in die Sowjetunion. Simons Großvater kämpfte in der sowjetischen Armee. Nach der Befreiung kehrte die Familie aus dem Altai-Gebirge nach Litauen zurück.

Helga Hanusa

Kaunas, Mittwoch, 16.11.2011

Kalter klarer Morgen in Kaunas. Unser Hotel liegt am Fluss Nemunas (Memel) in der Altstadt. Zahlreiche Kirchen, großzügige Plätze, prächtige Bürgerhäuser. Handel und Handwerk machten die Stadt einst reich. Wie in vielen Orten Litauens entstand hier ab dem 16. Jahrhundert eine bedeutende jüdische Gemeinde.

Um 10 Uhr holt uns Simon Dovidavicius, Direktor des Sugihara Museums, ab. Er  wird uns die nächsten Tage begleiten. Gemeinsam fahren wir zum Museum Fort IX, einer alten Befestigungsanlage aus der Zarenzeit etwas außerhalb von Kaunas. Es bietet unter anderem Ausstellungen zur deutschen Besatzungszeit in Litauen. Am 22.06.1941 rückten deutsche Truppen in Kaunas ein und in ihrem Gefolge das „Einsatzkommando 3“, eine Spezialeinheit für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Litauen. Unterstützt wurde das Ek3 durch rechtsgerichtete litauische Bataillone.

„They were very fast in killing“, sagt Simon. Wir stehen auf dem Gedenkplatz vor dem Fort IX. Hier wurden 50.000 Menschen erschossen – unter ihnen auch die 1000 Juden, die am 20.11.1941 vom Güterbahnhof Milbertshofen in München deportiert wurden. Keiner hat überlebt.

Renate Eichmeier