Im Zug nach Wien und München, Samstag, 19.11.2011

Unsere Forschungsreise ist zu Ende. Wir treten die Rückfahrt an. Mit dem Schlafwagen über Warschau nach Wien, dann weiter nach München

15 Tage waren wir unterwegs in drei Ländern. Theresienstadt, Auschwitz, Lublin-Majdanek, Belzec, Kaunas. Orte, an denen Zehntausende, Hunderttausende ermordet wurden. Die Nazis und ihre Helfer haben große Teile der Bevölkerung getötet und ihre Kultur ausgelöscht.

Morgen ist der 20.11., mittags kommen wir in München an.

Seit 1990 gab es 182 Todesopfer durch neonazistische Gewalt in Deutschland.

Kaunas, Freitag, 18.11.2011

Unser letzter Tag in Kaunas. Um 11 Uhr sind wir mit Simon Dovidavicius verabredet, dem Leiter des Sugihara-Museums. Es ist im ehemaligen japanischen Konsulat untergebracht. Während des Zweiten Weltkrieges hat der Diplomat Chiune Sugihara Transitvisa nach Japan ausgestellt und so Tausenden Juden das Leben gerettet. Es handelte sich in erster Linie um Polen, die nach dem deutschen Überfall nach Litauen geflüchtet waren.

Simonas Dovidavicius - Direktor des Sugihara-Museums

Simonas Dovidavicius - Direktor des Sugihara-Museums

„A lot of people had the choice to help but they did not do it.“ Sagt Simon. Er und seine Kollegen arbeiten mit Schulen und verschiedenen Institutionen zusammen. Sie wollen Zivilcourage vermitteln und gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen aktive Formen des Holocaust-Gedenkens entwickeln. Eine wichtige Arbeit, denn immer wieder kommt es zu antisemitischen und rechtsextremen Übergriffen auf Gedenkstätten und jüdische Einrichtungen.

Renate Eichmeier

Kaunas, Donnerstag, 17.11.2011

Gespräche im Direktorium des Gymnasiums Kauno Stepono Dariaus ir Stasio Gireno

Gespräche im Direktorium des Gymnasiums Kauno Stepono Dariaus ir Stasio Gireno

Besuch im Gymnasium Stepono Dariaus ir Stasio Gireno. Freundlicher Empfang, Gespräch mit der Schulleitung und mit Deutsch- und Geschichtslehrern. Das Gymnasium hat seit einigen Jahren eine Partnerschaft mit der Karla Raveh Gesamtschule des Kreises Lippe in Lemgo. Karla Raveh ist eine Holocaust-Überlebende.

Ernst spricht mit einer Klasse Abiturienten. Er erzählt, dass 23 Kinder aus dem Antonienheim, wo er mit seinen Geschwistern lebte, vor 70 Jahren nach Kaunas deportiert und im Fort IX ermordet wurden:

„Wir wissen nicht, ab wann sie gespürt haben, dass ihr Leben zu Ende geht. Die Eltern haben wahrscheinlich bis zum Schluss versucht, ihre Kinder zu schützen. Wir wollen, dass sich auch nur Ähnliches nicht wiederholt – Verspottung, Erniedrigung, Ausgrenzung. Deshalb wollen wir mit Ihnen über das Geschehen sprechen und in Kontakt kommen und uns besprechen, wie wir gemeinsam eine Zukunft schaffen können, in der es weder Lager noch Krieg gibt.“

Ernst Grube und Julijana Zarchi

Ernst Grube und Julijana Zarchi

Auch eine litauische Zeitzeugin ist dabei: Julijana Zarchi. Die 73jährige ist die Tochter einer Düsseldorferin und eines litauischen Juden. Als kleines Kind war sie im Kaunaser Ghetto. Sie überlebte mit ihrer Mutter. Ihr Vater und die ganze Familie väterlicherseits wurde in den ersten Tagen der deutschen Besetzung ermordet.

Antijüdische Pogrome zeitgleich mit dem deutschen Einmarsch, Beteiligung litauischer Bataillone an den Morden des Einsatzkommandos 3. Spezialeinheiten zogen von Dorf zu Dorf und töteten alle jüdischen Männer, Frauen, Kinder. Das Ausmaß der Gräueltaten war für die nichtjüdische Bevölkerung unübersehbar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im sowjetischen Machtbereich keine Unterscheidung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Opfern des Faschismus. Erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks begann die Auseinandersetzung mit dem Genozid.

Renate Eichmeier

Kaunas, Mittwoch, 16.11.2011

Kalter klarer Morgen in Kaunas. Unser Hotel liegt am Fluss Nemunas (Memel) in der Altstadt. Zahlreiche Kirchen, großzügige Plätze, prächtige Bürgerhäuser. Handel und Handwerk machten die Stadt einst reich. Wie in vielen Orten Litauens entstand hier ab dem 16. Jahrhundert eine bedeutende jüdische Gemeinde.

Um 10 Uhr holt uns Simon Dovidavicius, Direktor des Sugihara Museums, ab. Er  wird uns die nächsten Tage begleiten. Gemeinsam fahren wir zum Museum Fort IX, einer alten Befestigungsanlage aus der Zarenzeit etwas außerhalb von Kaunas. Es bietet unter anderem Ausstellungen zur deutschen Besatzungszeit in Litauen. Am 22.06.1941 rückten deutsche Truppen in Kaunas ein und in ihrem Gefolge das „Einsatzkommando 3“, eine Spezialeinheit für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Litauen. Unterstützt wurde das Ek3 durch rechtsgerichtete litauische Bataillone.

„They were very fast in killing“, sagt Simon. Wir stehen auf dem Gedenkplatz vor dem Fort IX. Hier wurden 50.000 Menschen erschossen – unter ihnen auch die 1000 Juden, die am 20.11.1941 vom Güterbahnhof Milbertshofen in München deportiert wurden. Keiner hat überlebt.

Renate Eichmeier

Im Zug von Warschau nach Kaunas, Dienstag, 15.11.2011

Gestern abend noch nach Warschau. Heute 7 Uhr 45 Uhr: Wir fahren mit dem Zug Richtung Litauen, über Bialystok und Sestokai nach Kaunas.

Acht Stunden im ICE, bedeckter Himmel, vorbei an Wäldern, herbstbraunen Wiesen und Feldern. Zeit für ein Resümee zu unserem Aufenthalt in der Lubliner Gegend. Dieses dichte Netz an Arbeits-, Durchgangs-, Vernichtungslagern. Die Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung, die Auslöschung ihrer Kultur -  das war Teil des großangelegten „Generalplans Ost“. Polen war das Experimentierfeld für die „Germanisierungspolitik“ der deutschen Besatzer: Unterwerfung der Bevölkerung, Enteignung, Umsiedlung, Verschleppung zur Zwangsarbeit ins Reich.

Unser Begleiter Wieslaw Wysock hat uns erzählt, dass die SS im Distrikt Lublin ein „Modellprojekt“ startete: In der Umgebung von Zamosc wurden Tausende polnische Bauern brutal vertrieben, ihre Höfe von Angehörigen der deutschen Minderheit aus Bessarabien übernommen. Unter den Vertriebenen war die Familie von Wysocks Schwiegermutter.

Renate Eichmeier

Belzec, Montag, 14.11.2011

Aufbruch in Zamosc um 8.00 Uhr. Wir fahren mit unserem Mietwagen weiter Richtung Südosten. Belzec ist ein kleiner Ort, 10 km vor der ukrainischen Grenze.

Es ist neblig und kalt. Wieslaw Wysock führt uns durch die Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers Belzec. Es liegt unmittelbar am Bahnhof. Vom Lager ist nichts erhalten geblieben, aber bei Ausgrabungen wurden 33 Massengräber entdeckt. Die Gedenkstätte ist ein Friedhof: eine große Fläche mit Schlacke, die nach hinten ansteigt, in der Mitte geteilt durch einen Weg. Wir gehen hindurch, die Wände werden höher und höher. Von Februar bis November 1942 führte etwa hier der Weg in die Gaskammern, in denen um die 500.000 Menschen den Tod fanden. Sie wurden von den umliegenden Transitlagern oder direkt von ihren Heimatorten hierher deportiert. Auch viele der aus München Deportierten, die im April 1942 nach Piaski verschleppt wurden, kamen hier ums Leben.

Während der „Aktion Reinhardt“ wurden etwa 1,7 Millionen Juden im Generalgouvernement ermordet. Die jüdischen Gemeinden vor Ort waren zerstört und mit ihnen verschwand ihre jiddische Schtetl-Kultur.

Renate Eichmeier

Zamosc, Sonntag, 13.11.2011

Wieslaw Wysock holt uns morgens im Hotel ab. Wir haben einen Mietwagen und verlassen Lublin Richtung Südosten. Graues Novemberwetter. Wir fahren über die Lubliner Hochebene, links und rechts der Straße Felder, hin und wieder liegt etwas Schnee.

Nach einer Viertelstunde erreichen wir Piaski. Wieslaw Wysock führt uns durch den kleinen Ort, der heute etwa 2500 Einwohner hat. Vor der deutschen Besetzung 1939 war Piaski ein Schtetl mit etwa 4000 jüdischen Einwohnern. Odilo Globocnik, SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, ließ einen Teil des Ortes mit einem Bretterzaun absperren  und zu einem Ghetto umfunktionieren. Einheimische Juden und Deportierte aus dem Deutschen Reich wurden auf engstem Raum zusammengepfercht. Im April 1942 kamen um die 750 Menschen aus München hier an.

Auch das etwa 20 km entfernte Izbica war ein Schtetl, das die deutschen Besatzer in ein Ghetto für einheimische und deportierte Juden umwandelten.

Piaski und Izbica waren Transitlager. Wer nicht an den furchtbaren Lebensbedingungen starb, wurde in die nahegelegenen Vernichtungslager Belzec und Sobibor gebracht. Bei Auflösung der Ghettos Anfang November 1942 wurden 2000 Juden auf den jüdischen Friedhöfen erschossen.

Wir fahren weiter nach Zamosc, über Jahrhunderte eine internationale Handels- und Wissenschaftsstadt: Armenier, Griechen, Polen, Juden, Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen lebten hier.

Renate Eichmeier

Lublin, Samstag, 12.11.2011

Um 9 Uhr holt uns Wieslaw Wysock im Hotel ab. Er ist Mitarbeiter im Staatlichen Museum Majdanek und führt uns heute durch die Gedenkstätte.

Mit dem Taxi fahren wir auf der Straße von Lublin nach Chelm. Etwas außerhalb der Stadt steht auf der rechten Seite ein großes Monument: Hier ist der Eingang zur Gedenkstätte, die auf dem Gelände des ehemaligen KZs errichtet wurde. Etwa 70 Holzbaracken sind zu sehen. Wieslaw Wysock zeigt uns den Platz „Rosengarten“, an dem die Selektionen stattfanden, in unmittelbarer Nähe sind die Gaskammern. Zwei dunkle Räume, die schweren Eisentüren stehen offen, jede hat ein Guckloch.

Ab Spätsommer 1941 haben die deutschen Besatzer hier zuerst sowjetische Kriegsgefangene, dann vor allem polnische Juden gefangen gehalten. Die meisten wurden ermordet. Wer nicht in den Gaskammern starb, kam bei einem großangelegten Massaker ums Leben.  Am 3. November 1943 wurden unter dem Namen „Aktion Erntefest“ 18.000 Menschen erschossen.

Das KZ Majdanek war Zentrum eines Netzes von Lagern, in denen die „Aktion Reinhardt“ umgesetzt wurde: die systematische Ermordung aller Juden im „Generalgouvernement“.

Renate Eichmeier

Lublin, Freitag, 11.11.2011

Noch gestern Abend sind wir in Oswiecim losgefahren, haben in Krakau übernachtet und sind heute morgen weiter nach Lublin. 4 Stunden entspannte Zugfahrt mit Zeit für Gespräche und Nachgedanken zu Auschwitz.

In Lublin herrscht Festtagsstimmung. Die Geschäfte sind geschlossen. Die Straßen mit polnischen Fahnen geschmückt. An Kiosken gibt es Blumen zu kaufen. Heute ist polnischer Nationalfeiertag. Es ist kalt, klar und sonnig.

Die Altstadt wirkt weltoffen. Über Jahrhunderte führten hier Handelswege durch. Große Bürgerhäuser, Stadtpaläste und Kirchen wurden gebaut. Wir gehen Richtung Burg. Unter dem Stadttor „Brama Grodzka“ spielt ein Straßenmusiker Akkordeon. Bis zur deutschen Besetzung im September 1939 war hier der Eingang zum jüdischen Viertel. Ab dem 16. Jahrhundert war Lublin ein Zentrum des Ostjudentums. Berühmte jüdische Gelehrte unterrichteten an der Jeschiwa, der jüdischen Hochschule. Es gab viele jüdische Gebetshäuser, ein jüdisches Krankenhaus und ein jüdisches Waisenhaus.

Wir gehen durch die „Brama Grodzka“ und haben freien Blick auf die Burg. Das jüdische Viertel lag gleich unter dem Burgberg. Heute sind hier ein Parkplatz und eine Grünanlage.

Renate Eichmeier

Oswiecim, Donnerstag, 10.11.2011

Heute Besuch in Auschwitz II-Birkenau. Ein Kleinbus von der Jugendbegegnungsstätte bringt uns hin. Vom Eingang aus überblicken wir nur einen Teil des Geländes, es reicht weit über den Horizont hinaus. Hier wurden über eine Million Menschen ermordet.

Der größte Teil des Konzentrations- und Vernichtungslagers ist nicht erhalten. Rechterhand: gute zwei Dutzend Holzbaracken, links etwa doppelt so viele Backsteinbauten, ansonsten hohe Elektrozäune, Wachtürme, Barackenreste, dazwischen große freie Flächen -  und die Gleise, auf denen die Züge mit den Deportierten aus ganz Europa ankamen. Auf Höhe der Rampe: Hinweistafeln mit Fotos ungarischer Frauen und Kinder vom Juni 1944. Die SS hat sie fotografiert. Verängstigte Menschen, verstörte Gesichter. Sie wurden in den Gaskammern sofort ermordet.

Es ist kalt. Wir beschließen, nur kurz zu bleiben.

Renate Eichmeier

Monowitz – das erste firmeneigene Konzentrationslager

Bei unserer Ankunft in der Jugendbegegnungsstätte haben wir Judith Hoehne getroffen, die hier in einem beruflichen Austauschprogramm tätig ist. Sie konzipiert und führt Workshops zu Auschwitz III-Monowitz durch. Begleitet von Judith erreichen wir das heutige Dorf Monowice. Zuvor waren wir kilometerlang vorbeigefahren am ehemaligen Buna-Werksgelände der IG Farben. Heute gibt es dort wieder eine riesige Chemie-Fabrik und weitere Gewerbe.

Die IG Farben haben das Dorf Monowice nach der Vertreibung seiner Bewohner zum KZ Standort für bis zu 11.000 Häftlinge bestimmt, die in Baracken und auch in Zelten zusammengepfercht waren. Um die Eroberungspläne des Deutschen Reiches zu bedienen, trieb die IG Farben die Kautschuk- und Treibstoffproduktion in den Buna-Werken voran. Unter für sie profitabelsten und für die Häftlinge tödlichen Bedingungen.

Heute ist davon am Ort nichts dokumentiert. Gleich bei der Einfahrt ins Dorf steigen wir auf der ehemaligen Lagerstraße aus und betrachten das Denkmal, das die Bewohner von Monowice „im ehrenvollen Gedenken an die Gefangenen im Lager IV in den Jahren 1941 bis 1945“ gewidmet haben.

Helga Hanusa

Oswiecim, Mittwoch, 9.11.2011

Frühstück im Sonnenschein. Wir sind in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte untergebracht, Mitte der 80er Jahre gebaut, große Fensterfronten, Blick ins Grüne. Außer uns sind momentan 100 Jugendliche aus Dresden und Leipzig hier. Hin und wieder kommen einige in die Cafeteria, die meiste Zeit jedoch sind sie mit Workshops, Gesprächen, Vorträgen von Zeitzeugen und Besichtigungen beschäftigt.

Auch wir machen uns auf den Weg. Zu Fuß gehen wir Richtung Museum Auschwitz-Birkenau. 20 Minuten später stehen wir vor dem Wohnhaus von Rudolf Höss, dem ersten Kommandanten des KZs. Es steht unmittelbar am Lager. Höchstens 150 Meter dahinter ist das Krematorium mit Gaskammer zu erkennen.
Vor dem Eingang des Museums schwirren Reisegruppen herum. Führungen in verschiedenen Sprachen werden angeboten. Wir entscheiden uns, das Gelände des ehemaligen „KL Auschwitz I“ allein zu besichtigen. Ein Tourist lässt sich unter dem Tor „Arbeit macht frei“ fotografieren. Dahinter Backsteinbauten. Das sind die Blocks, in denen die Häftlinge eingesperrt waren. Zwischen Block 10 und 11 war ein Innenhof – damals wurden hier Tausende hingerichtet.

„Auschwitz 1“ war ein Teil eines riesigen Komplexes von Konzentrationslagern.

Renate Eichmeier

Im Zug nach Oswiecim, Dienstag, 8.11.2011

Rote Eisenbahnwaggons im Abendlicht

Rote Eisenbahnwaggons im Abendlicht

Heute morgen früher Aufbruch in Terezin. Mit dem Taxi nach Bohušovice. Durch eine neblige Herbstlandschaft mit dem Zug über Prag nach Oswiecim (Auschwitz). Je näher wir der polnischen Grenze kommen, um so sonniger wird es. Bequemes ICE-Abteil, Verpflegung mit dabei und Zeit für ein Resümee. Paul sitzt mit seinem Block auf den Knien am Fenster und zeichnet. Er hat eine kleine Tochter. Der Besuch im Ghetto-Museum ist ihm unter die Haut gegangen, die Ausstellung zu all den ermordeten Kindern. In den farbenfrohen Zeichnungen der Kinder, ihrer selbstgemachten Zeitschrift und ihren Gedichten prallen Lebenskraft und Todesdrohung aufeinander – so Ernst und Helga.

Für mich bleibt Terezin unbegreifbar. In zehn Minuten läuft man quer durch die Stadt von einem Ende zum anderen. Zehntausende Menschen haben hier den Tod durch Hunger und Misshandlung gefunden, Zehntausende wurden in die Vernichtungslager im Osten geschickt.

16 Uhr 30: Wir kommen in Oswiecim an.

Renate Eichmeier

Terezin, Montag, 7.11.2011

Heute ab 8.00 Uhr Führung durch die kleine Festung, die außerhalb der Tereziner Altstadt liegt und bereits zu Zeiten der Habsburger ein Gefängnis war. Ab 1940 war hier ein Gestapogefängnis vorwiegend für politische Gefangene. Unsere Führerin Zusanna spricht hervorragend Deutsch, ihre Mutter stammt aus einer jüdischen Familie in Heidelberg. Sie führt uns durch die Backsteinbauten: BLOCK A, Gefängniszellen und eine Strafzelle für Juden aus dem Ghetto, eingesperrt wurden sie für Vergehen wie Schmuggel von Lebensmitteln. Zum Schluss sehen wir noch die Hinrichtungsstätte, nicht weit davon das Haus der SS-Kommandanten mit Swimming-Pool. Die Sonne scheint, aber es ist kalt heute. Wir frieren. In einem kleinen Lokal auf dem Festungsgelände trinken wir Tee. Es war damals das SS Kasino.

Wieder in der Altstadt erzählt uns Ernst von seiner Zeit in Theresienstadt, die Familie war getrennt, Hunger, Angst, Massen an Menschen auf engem Raum. Theresienstadt wurde ursprünglich für etwa 7000 Einwohner erbaut. Zwischen November 1941 und der Befreiung im Mai 1945 waren hier zeitweise 60000 Menschen zusammengepfercht, insgesamt wurden mehr als 140000 Menschen hierher deportiert, 33000 kamen um, ca. 87000 wurden in die Vernichtungslager in den Osten weitertransportiert.

Unvorstellbare Dimensionen. Heute wirkt Terezin bedrückend still, verfallene Häuser, leere Straßen, wenig Geschäfte. 1500 Menschen leben noch hier.

Renate Eichmeier

Terezin, Sonntag, 6.11.2011

Paul Huf, Ernst Grube, Helga Hanusa am Hauptbahnhof zum Start der Reise (Foto: Marta Reichenberger)

Paul Huf, Ernst Grube, Helga Hanusa am Hauptbahnhof zum Start der Reise (Foto: Marta Reichenberger)

Heute morgen, 7 Uhr 16, Abfahrt am Hauptbahnhof in München, Richtung Nürnberg. Von dort nehmen wir den Bus nach Prag und dann einen Regionalzug nach Bohušovice, etwas außerhalb von Terezin, so der tschechische Name von Theresienstadt. Es ist strahlendes Spätsommerwetter, als wir am frühen Nachmittag ankommen. Hier in Bohušovice kamen die ersten Deportationen aus München ab dem 3. Juni 1942 an. Zu Fuß mussten die Menschen mit ihrem Gepäck in die drei Kilometer entfernte Stadt gehen. Später wurden die Deportierten mit dem Zug direkt in das Konzentrationslager gebracht.

Ernst Grube war 12 Jahre alt, als die Gestapo ihn, seinen Bruder Werner (14), seine Schwester Ruth (6) und seine Mutter Clementine (41) Ende Februar 1945 zuhause abholte. Die Betroffenen wussten in der Regel nicht, wohin die Fahrt ging, was sie erwartete. Ernst erinnert sich, dass die Fahrt ziemlich lange dauerte. Ungefähr 24 Stunden waren die Menschen unterwegs.

Vom Bahnhof in Bohušovice fahren wir mit dem Taxi zu unserem Hotel. Die ehemalige Garnisonsstadt der Habsburger zeigt sich von ihrer sonnigen Seite, buntes Laub, sonntägliche Ruhe. Auf den ersten Blick erinnert nichts daran, dass diese Stadt einst ein einziges großes Konzentrationslager war. Allein aus München wurden von Juni 1942 bis Februar 1945 etwa 1400 Menschen hierher verschleppt.

Renate Eichmeier