Eindrücke von Helga Hanusa vom vierzehnten Tag der Reise

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Das Buch von Helene Holzmann „Dies Kind soll leben“ wurde im Jahr 2000 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Fruma Kucinskiene war zusammen mit der Tochter Margarete Holzmann zur Preisverleihung nach München gereist. Als beide eine Ausstellung zur Vorgeschichte und Deportation der Münchner Juden in einem Raum des Rathauses besuchten, wurden sie von einem Teilnehmer einer Tagung, die gleich nebenan stattfand, lautstark attackiert:.“… Was wollt ihr hier noch? Ihr Juden habt das Land freiwillig verlassen, ihr habt unterschrieben, dass ihr eure Häuser verkauft….“

„Wie soll man das betrachten?“ fragte Fruma.

Fruma Kucinskiene Kaunas, Überlebende des Holocaust

Helga Hanusa

Eindrücke von Helga Hanusa am dreizehnten Tag der Reise – In Kaunas

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„Dies Kind soll leben.“

Treffen mit Fruma Kucinskiene, 78 Jahre. Die elegante vielsprachige ehemalige Radioelektroingenieurin überlebte als einzige ihrer Familie. Als Kind aus dem Ghetto geschleust, an vielen Orten von jüdischen, litauischen und russischen Helferinnen versteckt und nach der Befreiung von Margarete und Helene Holzmann aufgenommen.

Artikel 16 im Grundgesetz der Bundesrepublik: „Politisch Verfolgte genießen Asyl“?

Helga Hanusa

Viele sind straffrei davongekommen.

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Und die Täter? Viele sind straffrei davongekommen.

München 1963. Die zuständige Strafkammer am Landgericht München I lehnte für 7 von 8 Angeklagten SS-Männern, die im Vernichtungslager Belzec Dienst taten, die Eröffnung des Hauptverfahrens ab mit der Begründung, sie hätten nichts anderes tun können, als den ihnen erteilten Befehlen zu gehorchen. Ein Täterwille sei nicht erkennbar.

Von mehr als 107.000 Ermittlungsverfahren wurden 90% eingestellt.

Helga Hanusa

Blick aus dem Hotelfenster

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Unser Hotel liegt in dem Viertel, das die deutschen Besatzer damals für Verwaltung, Organisation und zum Leben okkupiert hatten. Von unserem Fenster im Hotel sehen wir das ehemalige Wohnhaus von Odilo Globocnik (Nazi aus Kärnten), dem Leiter der „Aktion Reinhardt“.

Helga Hanusa

Monowitz – das erste firmeneigene Konzentrationslager

Bei unserer Ankunft in der Jugendbegegnungsstätte haben wir Judith Hoehne getroffen, die hier in einem beruflichen Austauschprogramm tätig ist. Sie konzipiert und führt Workshops zu Auschwitz III-Monowitz durch. Begleitet von Judith erreichen wir das heutige Dorf Monowice. Zuvor waren wir kilometerlang vorbeigefahren am ehemaligen Buna-Werksgelände der IG Farben. Heute gibt es dort wieder eine riesige Chemie-Fabrik und weitere Gewerbe.

Die IG Farben haben das Dorf Monowice nach der Vertreibung seiner Bewohner zum KZ Standort für bis zu 11.000 Häftlinge bestimmt, die in Baracken und auch in Zelten zusammengepfercht waren. Um die Eroberungspläne des Deutschen Reiches zu bedienen, trieb die IG Farben die Kautschuk- und Treibstoffproduktion in den Buna-Werken voran. Unter für sie profitabelsten und für die Häftlinge tödlichen Bedingungen.

Heute ist davon am Ort nichts dokumentiert. Gleich bei der Einfahrt ins Dorf steigen wir auf der ehemaligen Lagerstraße aus und betrachten das Denkmal, das die Bewohner von Monowice „im ehrenvollen Gedenken an die Gefangenen im Lager IV in den Jahren 1941 bis 1945“ gewidmet haben.

Helga Hanusa