Kaunas, Donnerstag, 17.11.2011

Gespräche im Direktorium des Gymnasiums Kauno Stepono Dariaus ir Stasio Gireno

Gespräche im Direktorium des Gymnasiums Kauno Stepono Dariaus ir Stasio Gireno

Besuch im Gymnasium Stepono Dariaus ir Stasio Gireno. Freundlicher Empfang, Gespräch mit der Schulleitung und mit Deutsch- und Geschichtslehrern. Das Gymnasium hat seit einigen Jahren eine Partnerschaft mit der Karla Raveh Gesamtschule des Kreises Lippe in Lemgo. Karla Raveh ist eine Holocaust-Überlebende.

Ernst spricht mit einer Klasse Abiturienten. Er erzählt, dass 23 Kinder aus dem Antonienheim, wo er mit seinen Geschwistern lebte, vor 70 Jahren nach Kaunas deportiert und im Fort IX ermordet wurden:

„Wir wissen nicht, ab wann sie gespürt haben, dass ihr Leben zu Ende geht. Die Eltern haben wahrscheinlich bis zum Schluss versucht, ihre Kinder zu schützen. Wir wollen, dass sich auch nur Ähnliches nicht wiederholt – Verspottung, Erniedrigung, Ausgrenzung. Deshalb wollen wir mit Ihnen über das Geschehen sprechen und in Kontakt kommen und uns besprechen, wie wir gemeinsam eine Zukunft schaffen können, in der es weder Lager noch Krieg gibt.“

Ernst Grube und Julijana Zarchi

Ernst Grube und Julijana Zarchi

Auch eine litauische Zeitzeugin ist dabei: Julijana Zarchi. Die 73jährige ist die Tochter einer Düsseldorferin und eines litauischen Juden. Als kleines Kind war sie im Kaunaser Ghetto. Sie überlebte mit ihrer Mutter. Ihr Vater und die ganze Familie väterlicherseits wurde in den ersten Tagen der deutschen Besetzung ermordet.

Antijüdische Pogrome zeitgleich mit dem deutschen Einmarsch, Beteiligung litauischer Bataillone an den Morden des Einsatzkommandos 3. Spezialeinheiten zogen von Dorf zu Dorf und töteten alle jüdischen Männer, Frauen, Kinder. Das Ausmaß der Gräueltaten war für die nichtjüdische Bevölkerung unübersehbar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im sowjetischen Machtbereich keine Unterscheidung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Opfern des Faschismus. Erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks begann die Auseinandersetzung mit dem Genozid.

Renate Eichmeier